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(c) Sammlung "Lost in Administration". (c) Philipp Horak

Eventtipp: „Die Farbe kriegst du nicht weg“

„DIE FARBE KRIEGST DU NICHT WEG“ – unter diesem Motto findet am Di, 28.6. um 19 Uhr ein Podiumsgespräch im Wiener Volkskundemuseum statt. Zeitzeuge Peter Nausner gibt Einblick in die Geschichte der vergessen Generation „SchwarzÖsterreich“ und spricht über damals und heute. Wir haben ihn vorab besucht!

Sie stört der Begriff Besatzungskind. Warum?
Ich bin in einer Zeit aufgewachsen, in der das Wort sehr negativ konnotiert war. Man war damals kein Befreiungskind, sondern ein Besatzungskind. Dass das Wort in den 50ern und 60ern normal war, ist schon klar. Da war noch alles frisch und die Alliierten waren Sieger, aber heute ist das überholt. Außerdem zog sich die negative Behaftung sowieso durch. Man wurde als „N*“ oder „N*lein“ bezeichnet, da war dann Besatzungskind noch eins drauf.

Wie kamen Ihre Eltern zusammen?
Mein Vater ist in der Karibik angeworben worden, hat für die Amerikaner gekämpft und kam so nach Europa. Mein Großvater war Pastor in einer Methodistenkirche in Linz und hat ein sehr offenes Haus geführt. Viele Soldaten kamen dort hin und so haben sich meine Eltern kennen und lieben gelernt. Mein Vater ist nach Amerika zurückbeordert worden, bevor ich geboren wurde. Meine Mutter wurde anfangs regelrecht verstoßen und von der Gesellschaft als Hure angesehen. In der Familie war diese Situation schwierig. Meine Großmutter wollte erst gar nichts mit mir zu tun haben.

Was sind Ihre ersten Erinnerungen daran, dass Sie als anders wahrgenommen wurden?
Man merkt früh, dass man eine unnatürliche Aufmerksamkeit bekommt. Jemand wie ich war im Straßenbild relativ selten. Im Kindergarten begann es mit den Hänseleien und in der Volksschule ging es erst richtig los. Da kamen Lehrer in den Dienst zurück, die in ihrem NS-Gedankengut festgesteckt sind. Eine Lehrerin hat mich häufig geschlagen. Da wollte ich plötzlich nicht mehr in die Schule gehen. Später haben Lehrer auch sehr offen gesagt, dass ich mehr leisten muss als Andere, um ihre Anerkennung zu bekommen.

Ihre Schulzeit wurde vor allem von Arbeit geprägt. Wie schafft man Schule und Arbeit in so jungen Jahren?
Meine Mutter war Alleinerzieherin und ich hatte noch zwei Halbschwestern von jeweils anderen Vätern. Geld war immer sehr knapp. Es war nie genug Geld und Essen zur Verfügung. Da begann ich als kleiner Junge damit, mir Taschengeld dazu zu verdienen. Mit 14 habe ich in den Ferien durchgearbeitet und mit 16 begann ich auch in der Schulzeit zu arbeiten. Ich bin für ein Marktforschungsinstitut durch Österreich gefahren und habe beim Landesschulrat um ein Recht auf mehr Fehlstunden angesucht. Ich musste etwas zum Einkommen beitragen. Teil-weise habe ich da schon mehr verdient als meine Mutter.

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(c) Philipp Horak

Beim Marktforschungsunternehmen von Tür zu Tür, dann die Arbeit als Journalist – wieso suchten Sie sich Berufe aus, die viel mit Kontakt zu Menschen und Öffentlichkeit zu tun haben?

Ich hatte das Gefühl, dass man stark an seinem Selbstbild arbeiten muss. Meine Mutter hat mir immer vermittelt, dass ich mich nicht verstecken brauche. In meiner Jugend war Aufmerksamkeit für mich ganz schlimm – wenn jeder tuschelt und versucht, dir ungefragt in die lockigen Haare zu greifen. Ich bin mir vorgekommen wie ein Maskottchen und habe begonnen, mich zu verstecken. In der Schule habe ich dann eine andere Variante gewählt und bin offensiver an dieses Thema herangegangen. Klassensprecher und sogar Schulsprecher zu werden war mein Weg, damit umzugehen. Ich wollte nicht in die Falle tappen, zu beginnen, mich komplett aus der Gesellschaft auszuschließen.

Gab es einen Moment, in dem Sie sich gewünscht haben, so wie alle anderen in der Umgebung zu sein?
Natürlich viele. Ich kann mich an einen Moment im Alter von ca. 15 Jahren erinnern, als ich vor dem Spiegel stand und mir dachte, „Scheiße, diese Farbe bringst du einfach nicht weg!“. Es fühlte sich an wie eine Behinderung, die immer präsent ist.

Sie haben Ihren Vater nicht gefunden, aber ihr Vater hat Sie gefunden. Wie war diese Erfahrung?
Mit 38 Jahren hat mich die Familie meines Vaters ausfindig gemacht. Mein Vater war verheiratet und hatte weitere Kinder bekommen. Doch er stand immer offen dazu, dass er in Österreich noch einen Sohn hat. Das wusste ich alles nicht. Es war schon sehr überwältigend, dann doch so viele Gemeinsamkeiten mit einem eigentlich Fremden zu finden. In diesem Alter ist es natürlich nicht einfach eine Vater/Sohn-Beziehung aufzubauen, aber besonders für meine Kinder war es sehr wichtig, ihre Wurzeln kennenzulernen. Ich konnte meine Großmutter auch noch besuchen und war in der Karibik, um das Feeling zu spüren.

Puzzleteile haben sich so zusammengefügt. Jahrzehnte später, welche Erfahrungen machen Ihre Kinder und Enkelkinder?
Meine Familie ist sehr bunt. Eine meiner Töchter ist mit einem Argentinier zusammen, die Älteste hat einen Tuareg geheiratet und hat zwei Kinder. Jetzt mit fünf Jahren merkt man, dass meine Enkeltochter im Kindergarten auch schon Erfahrungen mit Ausgrenzung gemacht hat. Meine jüngste Tochter ist jetzt 16 Jahre alt und mein Sohn maturiert dieses Jahr. Beide haben besonders in der Schule von Mitschülern und Lehrern Rassismus erlebt. Es ist wichtig, diese Erfahrungen auszutauschen, um ihnen innere Stärke mitzugeben. In Österreich ist das Ganze leider tief verwurzelt. Es ist nie richtig verarbeitet worden, genau so wenig wie der Nationalsozialismus selbst.

//Peter Nausner wurde am 21.12. 1954 in Linz als Sohn einer Österreicherin mit russischen Wurzeln und eines Schwarzen GIs, der ursprünglich aus Panama stammte, geboren. Nach einer harten Kindheit begann er schon in seiner Jugend zu arbeiten und machte Karriere als Journalist, Buchhändler und Berater. Mittler-weile lehrt er an Fachhochschulen und Universitäten. Seine Erlebnisse und Erfahrungen schildert er unter anderem in der Ausstellung „SchwarzÖsterreich. Die Kinder afroamerikanischer Besatzungssoldaten“.//

 Dieses Podiumsgespräch ist Teil des Rahmenprogramms der Ausstellung„SchwarzÖsterreich. Die Kinder afroamerikanischer Besatzungssoldaten“. Ziel der Veranstaltung ist es festzustellen, wie sich die Innen- und Außenwahrnehmung in den 70 Jahren seit Ende des Zweiten Weltkriegs verändert hat und in welche Richtung es gehen kann.

AM PODIUM

Peter Nausner, Zeitzeuge und Teil der Ausstellung „SchwarzÖsterreich. Die Kinder afroamerikanischer Besatzungssoldaten“

Moderation:
Vanessa Spanbauer, stv. Chefredakteurin fresh – Black Austrian Lifestyle

Ort: Volkskundemuseum Wien
Laudongasse 15-19, 1080 Wien
Zeit: Dienstag, 28. Juni, 19 Uhr

Eintritt frei!

Zum fb-Event – https://www.facebook.com/events/874175252708647/

WEITERE TERMINE DES RAHMENPROGRAMMS

 

// Mo., 04.07.2016, 17 Uhr //
Kuratorenführung

// Di., 19.07.2016, 19 Uhr //
Filmabend „Brown Babies“

// Di., 16.08.2016, 19 Uhr //
Filmabend „Kleine große Stimme“ 
Simon INOU (Moderation), Herausgeber fresh – Black Austrian Lifestyle

ZUR AUSTELLUNG

Adoptiert, geblieben, verspottet – wer als Kind einer Österreicherin und eines afroamerikanischen GIs zwischen 1945 und 1955 zur Welt kam, hatte einen schweren Start ins Leben. Die oftmals vergessenen Geschichten dieser sogenannten Besatzungskinder treten jetzt ans Tageslicht und offenbaren Identitätsfragen, Ungerechtigkeiten der Behörden und enorme Stärke im Umgang mit der Nachkriegsgesellschaft. Eine Im Rahmen der Ausstellung „SchwarzÖsterreich. Die Kinder afroamerikanischer Besatzungssoldaten“, die vom 27. April bis zum 21. August im Wiener Museum für Volkskunde läuft, präsentieren die Kuratoren Philipp Rohrbach, Niko Wahl und Tal Adler die Ergebnisse des Forschungsprojektes „Lost in Administration“ und lassen die Kinder von damals erzählen.




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