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Carmen Geiss

Sag mir, was dir fremd erscheint, und ich sage dir, wer du bist

Habt ihr euch schon einmal die Frage gestellt, warum euch einiges fremd erscheint und anderes nicht? Habt ihr euch schon einmal damit beschäftigt, wieso das „konkrete Fremde“ bei euch Faszination und bei anderen das Gefühl von Bedrohung auslöst oder umgekehrt? Habt ihr schon einmal darüber nachgedacht, was eure Wahrnehmung von Fremdheit über euch selbst aussagt?

Der folgende Artikel kann euch bei der Beantwortung dieser Fragen helfen.

Mit Fremdheit müssen wir uns früher oder später alle konfrontieren. Wichtig dabei ist, dass wir das Fremderleben nicht mehr einseitig begreifen, denn es darf nicht mehr nur darum gehen, worin die Fremdartigkeit des Anderen besteht. Das Fremderleben muss als spannungsreiche Beziehung zwischen dem eigenen „Innen“ und dem fremdartigen „Außen“ begriffen werden, die auf der eigenen Wahrnehmung und eigenen Erfahrungen basiert.

Der Wissenschaftler Ortfried Schäffter hat vor 25 Jahren vier Arten des Fremderlebens unterschieden, die nicht an Aktualität und Praxisnähe verloren haben. Dieser Artikel soll aufzeigen, zu welchen Erfahrungen des Fremderlebens es am häufigsten kommt, wenn Schwarze als das „Fremde“ definiert werden.

Schwarze als Resonanzboden

Angelina Jolie

Angelina Jolie und Djimon Hounsou in dem Film „Lara Croft: Tomb Raider – Die Wiege des Lebens“

In dieser Art des Fremderlebens werden Schwarze als abgetrennte Ursprünglichkeit betrachtet. Sie bilden einen Kontrast, von dem man sich entfernt hat, der aber nicht im Gegensatz zur eigenen Identität steht. So wird Afrika als „Wiege der Menschheit“ gesehen und der Schwarze Mensch als eine Art evolutionäre Vorstufe der weißen modernen Gesellschaft. Das Verhältnis zwischen mir und dem Fremden kann durch Empathie, Liebe oder Mitleid als grundsätzlich verständlich eingeordnet werden. Hier kann Sehnsucht und Faszination genauso erweckt werden, wie Bedrohung durch ein Gefühl der Identitätsauflösung. Die Wahrnehmung von Fremdheit pendelt zwischen Gefährdung und Verlockung.

 

Schwarze als Gegenbild

asiatische_Werbung

Rassistische chinesische Waschmittelwerbung aus dem Jahr 2016 (c) Qiaobi

In dieser Form des Fremderlebens werden Schwarze als das „Andersartige“ ausgegrenzt. Weil Schwarze hier Ausdruck einer gegenseitigen Unvereinbarkeit sind, wird versucht eine klare Grenzlinie zu schaffen, die die Integrität des Eigenen vor der Bedrohung des Fremden schützen soll. Das Eigene wird hier üblicherweise mit Gesundheit, Reinheit und Stärke assoziiert, wohingegen das Fremde mit Schmutz und Unreinheit verbunden wird.

Ein gutes Beispiel bildet eine heftig debattierte chinesische Waschmittelwerbung, in der eine junge Chinesin einem Schwarzen ein Waschmittel in den Mund steckt und ihn in die Waschmaschine drückt. Als nach dem Waschgang ein junger hellhäutiger Chinese aus der Waschmaschine steigt, ist die Frau sichtlich erfreut.

 

Schwarze als Ergänzung

Rachel Dolezal

Rachel Dolezal schuf sich eine neue Identität als Schwarze (c) tmz.com

In diesem Muster des Fremderlebens wird durch eine Aneignung von Aspekten Schwarzer Menschen  eine strukturelle Selbstveränderung bewirkt. Schwarze werden hier mit entwicklungsfördernden Impulsen in Verbindung gebracht. Fremderfahrung wird hier zur Selbsterfahrung, im Sinne eines Entdeckens der eigenen Fehlstellen.

Ein Beispiel für dieses Erfahrungsmuster bildet Rachel Dolezal. Die US-amerikanische Aktivistin setzt sich für die Rechte Schwarzer ein und bezeichnete sich  – trotz ihrer eigentlich weißen Hautfarbe – selbst auch als Schwarz. 2015 flog der Fall auf und löste eine heftige Debatte über Identität und die Sinnhaftigkeit der Einteilung von Menschen nach Hautfarbe aus.

Schwarze als Komplementarität

Carmen Geiss

Carmen Geiss posiert freudestrahlend für ein Foto mit einem Bewohner eines kolumbianischen Slums. (c) Facebook Carmen Geiss

In der vierten Form des Fremderlebens wird nicht versucht das Fremde als eigentlich Eigenes zu vereinnahmen zu dem Zweck, die eigene Identität zu bilden, sondern die Wahrnehmung Schwarzer beruht auf einer wechselseitigen und sich gegenseitig hervorrufenden Fremdheit. Diese Form kennzeichnet sich durch ein Aufeinanderprallen verschiedener Bezugssysteme aus.

Das Schema gelangt irgendwann zu dem Punkt, an dem die Grenze des Verstehens erreicht wird und dadurch den Versuch der Anpassung beendet. Diese Grenzerfahrung erwächst nicht notwendigerweise aus Intoleranz, sondern aus der Anerkennung der Grenzen der eigenen Erfahrungsmöglichkeiten. Das führt schließlich zu der Anerkennung gegenseitiger Unterschiede und zur Akzeptanz der Abhängigkeit von den eigenen gesellschaftlichen Normen.

Schwarze fungieren somit häufig als Resonanzboden, Gegenteil, Ergänzung oder Komplementarität. Was tatsächlich in uns Fremdheit auslöst oder befremdlich wirkt, sagt sehr viel über uns und unser Wesen aus. Wer seine eigenen Fremderlebnisse hinterfragen möchte, den kann dieses Einteilungsschema eine interessante Stütze bieten.




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