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(c) Niko Havranek

Generations – salute x The Mycall von den Aphrodelics

Zwischen Felix aka salute und Mike aka The Mycall von den Aphrodelics liegen Jahrzehnte und einige Genregrenzen – die Liebe zur Musik bringt sie in unserem Interview zusammen.

Vinyl und Streaming – kommt zwar aus verschiedenen Jahrzehnten, ist aber beides im Trend. Für das Team Vinyl steigt bei unserem Gespräch Mike aka The Mycall in den Ring – das Mitglied der Ende der 90er/Anfang der 2000er erfolgreichen österreichischen Hip-Hop-Formation Aphrodelics konnte schon viele Veränderungen miterleben. Felix Nyajo, bekannt unter dem Namen salute, ist ein junger Wiener Produzent aus der Streaming-Generation, der seit einiger Zeit in England lebt. Für fresh machen sie sich Gedanken über die aktuelle Lage im Musikbusiness, sprechen über Erfolg und falsche Freunde!

Was bedeutet Musik für euch?
MIKE: Mit Musik verbindet man Erinnerungen an einen konkreten Ort, eine bestimmte Zeit, an einen besonderen Menschen. Sie hilft zum Beispiel dabei, die Realität zu begreifen und kann Botschaften senden. Ohne Musik kann ich mir die Welt nicht vorstellen. Es gibt so viele verschiedene Genres.
FELIX: Musik ist alles für mich. Ich habe mit 14 begonnen und es ist wirklich das Einzige, das ich immer schon machen wollte.

Wie kann man sich eure Anfänge vorstellen?
FELIX: Als kleines Kind hat mein Bruder mir immer R’n’B vorgespielt, von meinen Eltern kam die Gospel- und Jazz-Prägung, dadurch habe ich auch schon früh einen eigenen Geschmack entwickelt. Mit zehn Jahren habe ich damit begonnen, eigene Playlists zu erstellen und dann kam langsam das Interesse daran, wie diese Musik produziert wird. Das erste Mal ins Internet gestellt habe ich meine Tracks mit 16 und dann ging es auch schon los.
MIKE: Begonnen hat das Ganze bei mir ebenfalls mit den Platten meiner Eltern. In der Schule definiert man sich dann auch über die Musik und ich war einfach fasziniert. Aus einem Zuhörer entstand dann auch der Drang, etwas zu erschaffen. Ich kann mich noch genau erinnern, wie mir mein Lehrer im Unterricht einen Schmierzettel weggenommen hat, auf dem einer meiner Songtexte stand.
Nach kurzem Lesen musste er schmunzeln. Das war eine Bestätigung, weiter zu machen – ab da bin ich von Aufgabe zu Aufgabe gerutscht.

(c) Niko Havranek

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Was hat sich in den letzten 20 Jahren in der Musikbranche verändert?
MIKE: Alles! Erst kam Napster, dann iTunes, Myspace und jetzt Streamingdienste. Die Plattenfirmen haben die Trends alle verschlafen. Musik machen wurde auch billiger, weil man sie jetzt DIY im Wohnzimmer machen kann. Das hat allerdings auch dazu geführt, dass Leute eine Plattform bekommen, die keine Musik machen sollten. Plattenfirmen signen sie trotzdem, weil man auch mit Fremdschämen Geld machen kann.
FELIX: Ich bin Teil dieser homemade-Generation und habe eines Tages angefangen in meinem Zimmer Musik zu machen. Irgendwann habe ich es hochgeladen. Blogs wurden darauf aufmerksam und ich hatte plötzlich ein Publikum. Vor 20 Jahren wäre das nicht möglich gewesen. Ich finde es schön, dass man nicht viel Geld ausgeben muss, um Musik zu machen.

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Wie hat sich eure Musik verändert?
FELIX: Ich gehe meine Produktionen mittlerweile erwachsener an. Singer/Songwriter wurden zu Vorbildern und die Möglichkeit mit Live-Musikern und SängerInnen zu arbeiten, verändert viel von der Arbeitsweise.
MIKE: Puh, meine Anfänge sind einfach schon eine Zeit her…

Was ist euer Standpunkt zur Musikszene, in der ihr euch befindet?
FELIX: Die Elektronische-Szene ist sehr divers. Das ist je nach Richtung und Land verschieden. In England gibt es viel mehr Grundverschiedenes. In Österreich ist alles posher und es wird nichts riskiert. Die Clubkultur ist ganz anders – dort sind auch viel mehr Drogen im Spiel, aber sie geben mehr Geld für eine gute Partynacht aus.
MIKE: Hip-Hop ist Poesie. Ich habe dadurch viel über die amerikanische Kultur kennengelernt. Public Enemy war sowas wie das CNN des Ghettos. Eine Zeit lang musste man ein Gangster-Rapper sein, um wahrgenommen zu werden, jetzt wird das Feld wieder diverser. Man macht Trap, Hipster-Rap oder man ist concious – die Vielseitigkeit gefällt mir.

Wie hat sich der erste Erfolg angefühlt?
FELIX: Die Aufmerksamkeit habe ich eigentlich gar nicht wahrgenommen, ich war noch in der Schule. Es ist in Österreich auch sehr leicht möglich, in einen Hype zu geraten, der nur auf dieses Land beschränkt bleibt – Weltbekannt in Österreich, quasi. Das wollte ich nicht, bei meinem Bruder ist das ganz ähnlich.
MIKE: Schwer zu beschreiben! Unser Problem war, dass wir nicht realisiert haben, wie ernst es geworden ist. Wir hatten immer noch das Hobbymässige, obwohl schon Verträge unterzeichnet wurden. Irgendwann gab es Budgets und man hat Terminverpflichtungen. Ich bin nie wieder so viel herumgekommen, wie in unserer Spitze zwischen 1998 und 2002. Das war aufregend, aber führte gleichzeitig auch zu Meinungsverschiedenheiten bezüglich der Richtung, die wir einschlagen sollten. Es war nicht einfach aber ich möchte nichts von diesen Erfahrungen missen.

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Wie wichtig ist es, Kontakte und Freundschaften im Musikbiz zu pflegen?
FELIX: Extrem wichtig! Ich bin zwar kein riesen Netzwerker, aber es kann ein Austausch entstehen, bei dem man sich gegenseitig helfen kann. Allerdings sehe ich Leute sehr ungern als Businesstool. Manchmal bekommt man dann mit, wie gegenseitig gelästert wird und nur mehr Geld im Mittelpunkt steht. Das passiert besonders auch bei Menschen von Labels, die dich nur als Produkt sehen. Da bin ich vorsichtig.
MIKE: Richtig, es geht nicht ohne. Man sollte Kontakte allerdings auch pflegen und dann wirklich zusammenarbeiten. Leute, die professionell Musik machen, müssen Netzwerke bilden. Die Organisation, das Marketing, die Fotografen, die Videoleute – das sind alles Bereiche, die zusammenspielen. Ich würde zum Beispiel jetzt gerade gerne die neuen, jungen Acts kennenlernen.

Was ist deine Verbindung zu Wien?
FELIX: Mit Wien verbindet mich eine Hassliebe. Es ist eine total schöne Stadt. Aber es ist schon so, dass Menschen, die nicht klar österreichisch aussehen, ganz anders behandelt werden. Das erste was mir an England aufgefallen ist, war, dass die Menschen viel vertrauter mit Schwarzen Menschen umgehen, im Vergleich ist es hier echt überhaupt nicht so.
MIKE: Die meiste Zeit meines Lebens habe ich in Wien verbracht. An der Stadt imponieren mir die verschieden Einflüsse fremder Kulturen und der moderne Touch. Wien ist sehr intellektuell – aber auch sehr Proletariat. Ich liebe Wien – auch wenn zu viel nachgedacht und gesudert wird.

Was nimmst du vom Reisen mit?
MIKE: Mir haben die Reisen viel bedeutet, auch über die Unterschiede in den Musikszenen. Man kann von den Deutschen zum Beispiel viel lernen, was Festivals betrifft – oder auch von der Schweiz. Die bekommen Festivals hin, von denen man hier nur träumen kann.
FELIX: Ich versuche alle sechs Monate, außerhalb der Tour, ganz alleine wegzufliegen und nehme mir für drei bis vier Tage ein Airbnb. Ich schalte meine Mails aus und brauche diese Tage alleine und offline, weil ich sonst merke, dass ich mit mir selbst nicht mehr klarkomme.

Sollten Musiker sich klar über Politik äußern?
FELIX: Ja, meine politische Meinung ist wichtig. Es gibt viele Musiker, die nicht darüber reden wollen, aber Musik war immer schon politisch. Wenn man sich nicht einsetzt, obwohl man eine Plattform hat, finde ich das schade.
MIKE: Absolut! Musik kann kritische Botschaften senden. Vor Politik kann man sowieso nicht weglaufen, also kann man sie auch durch Musik verarbeiten. So politisch wie heute, habe ich die Welt noch nie erlebt. Die Einstellung gegen die Rechte hat sich extrem verändert.
Früher ging das gar nicht, heute ist es salonfähig. Darüber kann man gerne reden und darüber sollte man auch Songs schreiben.

Was sind die nächsten Pläne?
MIKE: Die Aphrodelics haben gerade keine sehr konkreten Pläne, was die Zukunft betrifft. Wir haben ein paar Projekte in der Lade, wissen allerdings nicht, wann die genau rauskommen werden. Einen Song machen wir definitiv für „Pattybrown“, das Label meiner Schwester.
FELIX: Ich werde immer wieder Singles veröffentlichen und Termine mit Band spielen. Das nächste riesen Ding ist allerdings die Album-Produktion im Sommer – das soll dann nächstes Jahr erscheinen. Das ist mit meinem Label schon länger am Tisch, aber ich hetze mich da noch nicht. Ich bin unter Stress dann sowieso produktiver.

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