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Dieser Artikel erschien letzte Woche bei der Zeit. Wir waren etwas erstaunt, haben aber eine Meinung dazu. (Screenshot: Die Zeit online)

Lieber weißer Zeit-Online-Journalist

Als letzte Woche dieser Zeit Online Artikel erschien, machte uns der Titel sehr neugierig. Nachdem wir ihn dann endlich gelesen hatten, relativierte sich die heftige Kritik etwas. Einige Fragen und Ansätze, die dem Autor dabei helfen, mehr Empathie zu zeigen, blieben dennoch. Den Artikel findet ihr unter http://www.zeit.de/2017/20/rassismus-identitaet-integration-hautfarbe-herkunft


Lieber weißer Zeit-Online-Journalist,

Wir möchten dich beruhigen: Wir glauben nicht, dass du ein Rassist bist. Weder ein Alltagsrassist noch ein normaler Rassist. Deine Rechtfertigungsversuche durch das Aufrollen deiner Lebensgeschichte, inklusive türkischem besten Freund und Aufnahme eines syrischen Flüchtlings, fanden wir dennoch amüsant.

Wir müssen dir aber auch sagen, dass deine Vorstellungen über Rassismus typisch weiß sind. Sie entsprechen den Vorstellungen all jener Menschen, die noch nie eigene Erfahrungen mit Rassismus gemacht haben. Weiß sind sie auch deshalb, weil du dir nicht nur das Recht herausnimmst darüber zu urteilen, was Rassismus ist und was nicht, sondern auch das Recht, Neugier mit Weltoffenheit gleichzusetzen. Deine Art über Rassismus nachzudenken, kann in mancher Hinsicht hilfreich sein, weil du dadurch Gewisses objektiver und distanzierter betrachten kannst. In anderen Fällen – wie dem der problembehafteten Frage nach der Herkunft und dem Inhalt deines Artikels – fehlt die notwendige Empathie und damit die Fähigkeit dich wirklich in die Person, der du diese Frage stellst hineinzuversetzen.

Wir schlagen vor, dass du Folgendes versuchst: Stell dir vor, als Kind einer Schwarzen Mutter und eines weißen Vaters in Deutschland geboren worden zu sein, umgeben von weißen Freunden, Bekannten und Klassenkammeraden. Stell dir vor, mit welchen Anfeindungen du zu kämpfen hattest, weil deine Hautfarbe dunkler war. Stell dir den Moment vor, an dem dir als kleines Kind bewusst wird, dass du anders bist als alle anderen. Vielleicht kam diese Einsicht sogar deshalb, weil dich deine Klassenkameraden wiederholt nach deiner Herkunft gefragt haben. Eine Frage, die für dich als Kind durchaus Irritation ausgelöst hat, hast du doch bislang die Landesgrenzen Deutschlands noch nicht verlassen. Verinnerliche diesen Schmerz der Anfeindungen aufgrund deiner Andersartigkeit, den du dein Leben lang nicht mehr zur Gänze loswirst. Und nun, stell dir vor du bist erwachsen geworden, hast einen soliden Job und eine Familie. Und jedes Mal, wenn du neue Leute kennenlernst – sei es auf einer Party, einer Veranstaltung oder im Beruf – wirst du gefragt, woher du eigentlich kommst. Jedes Mal, wenn dir diese Frage gestellt wird, spürst du wieder diesen tiefsitzenden subtilen aber dennoch präsenten Schmerz, den du als Kind empfunden hast, denn du weißt, egal was du tust, egal wer du bist, du wirst immer als anders wahrgenommen. Und dieses „Anders“ fühlt sich nicht gut an, denn es ist negativ konnotiert. Dabei ist es egal mit welcher Intention dir diese Frage gestellt wird. Die Absicht muss gar keine schlechte sein. Was zählt ist das Gefühl, das sie auslöst. (Das Experiment kann übrigens mit weißer Mutter/Schwarzen Vater, oder zwei Afrodeutschen-Elternteilen wiederholt werden)

Und nun: Meinst du wirklich es sei ignorant, diese Frage nicht zu stellen? Weil nicht nach der Herkunft zu fragen unterstellt, dass man an Multikulturalität nicht interessiert sei? Nein. Unter bestimmten Bedingungen ist es mehr als ignorant nach der Herkunft eines Menschen zu fragen.

Da du dir gegen Ende deines Artikels die Frage stellst, wann aus einer zugewandten Frage eine alltagsrassistische wird, wollen wir diese für dich beantworten. Du darfst die Frage nach der Herkunft ohne größere Bedenken stellen, wenn du vier wichtige Regeln beachtest und eine gleichzeitige Unfähigkeit der Kontrolle der eigenen Neugier vorliegt:

  1. Stelle die Frage nach der Herkunft auf keinen Fall zu Beginn eines Gesprächs. Es ist nicht die allerwichtigste Sache auf der Welt zu wissen, woher eine Person oder deren Familie stammt. Lerne die Person zuerst kennen. Akzeptiere den optischen Unterschied einfach. Erkenne die Tatsache an, dass die Herkunft oder das Aussehen einer Person in der Regel nicht ihre gesamte Identität bestimmt.
  2. Ergänze die Frage nicht mit dem Adverb „wirklich“. Du suggerierst damit, dass nur bestimmte Antworten akzeptabel sind und (oftmals wahre) Antworten, wie „Deutschland“ oder „Österreich“ dich gar nicht interessieren.
  3. Stelle keine Nachfragen. Wenn eine Person sagt, dass sie Österreicherin/Deutsche ist, musst du das akzeptieren. Wenn du willst, dass sie genervt ist und/oder wütend wird, ergänze deine Frage noch mit „tatsächlich“ oder „nein, ursprünglich“. Bedenke auch, dass diese Frage vorbelastet ist. Wenn du jemanden kennenlernst, dessen Erscheinungsbild bei dir Neugier erweckt, kannst du davon ausgehen, dass das Erscheinungsbild bereits bei einer Vielzahl anderer Personen Neugier geweckt hat.
  4. Wenn eine Person eindeutig Muttersprachlerin ist, ist es oftmals so, dass sie das Land ihrer Muttersprache als Heimat betrachtet. In diesem Fall ist es vernünftiger nach der Herkunft der Eltern oder Familie zu fragen. Denn die Gefahr ist groß, dass die Person einfach mit „Frankfurt“ oder „Würzburg“ antwortet. Da dich diese Antworten aufgrund deiner Neugier aber nicht zufriedenstellen werden und du Regel 3 beachten solltest, bringt dich das in eine Zwickmühle.

Also, lieber weißer Zeit-Online-Journalist: Wir finden es mutig und schön, dass du dich mit dem Thema Rassismus beschäftigst, auch wenn die Motivation dahinter zum Teil fragwürdig ist („Neulich wurde ich [von einem Plakat der SPD, Anm. R.Z.] bezichtigt, ein Rassist zu sein.“).

Abschließend aber ein kleiner Tipp von Menschen, denen die Frage nach der Herkunft schon unzählige Male gestellt wurde:
Neugierde gibt dir keinen Freifahrtschein für jegliche Fragen. Auch wenn du es nicht fair findest, es macht nun einmal einen Unterschied, ob du einen weißen Mann in Deutschland fragst, woher aus Österreich er stammt, weil du seinen Akzent nicht zuordnen kannst. Oder, ob du eine mit einwandfreiem Berliner Dialekt sprechende Schwarze Frau in Deutschland fragst, woher sie denn eigentlich komme. Mit ausreichender Sensibilität und Beachtung unserer goldenen Regeln, kann nicht mehr viel schiefgehen. Viel Glück!




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