Couldn't resolve host '17-edu.allmediacloud.com' Woher kommt eigentlich Twerking? | FRESH MAGAZINE
Bildschirmfot7-07-17 um 12.35.43

(c) Sophie Kirchner

Woher kommt eigentlich Twerking?

Twerking, Nae Nae, Juju on the Beat – so nennen sich Tanzchoreographien, die in den vergangenen Jahren an Aufmerksamkeit gewonnen haben. Doch woher kommen diese Moves? Wir haben mit dem Choreografen Samuel Ekeh über den Einfluss Afrikas auf die moderne Tanzszene gesprochen und erfahren, wie vielschichtig Bewegungen umgeformt werden können.

Immer neue Tanzvideos gelangen via sozialer Netzwerke und Plattformen wie Instagram, Snapchat und Vine an die Öffentlichkeit. Tänze wie „Hit the Quan“ oder der „Dab“ verbreiten sich wie ein Lauffeuer im Netz und ermutigten viele Nutzer, eigene Videos online zu stellen. Die Popularität steigt nochmals, sobald ein NFL-Spieler den Dance bei einem Touchdown vorführt. Eine Gemeinsamkeit vieler dieser Tanzchoreos ist, dass die UrheberInnen der Schwarzen Kultur angehören. Doch was bedeutet Schwarze (Tanz-)Kultur eigentlich und wo liegen ihre Wurzeln?

Dass sich afrikanische Tanzelemente im Hip-Hop manifestiert haben, ist bekannt. Das Tap- oder Jazz-Dance auch Ursprünge im afrikanischen Tanz haben, bleibt meist unerwähnt. Zeitgenössischer Tanz zeigt sich heute in verschiedenen Facetten. Jazz Dance ist eine davon und eng mit afrikanischen Tanzstilen verknüpft.

Zeitgenössischer Tanz zeichnet sich durch Vielseitigkeit und Bewegungsfreiheit aus. Unterschiedliche Tanzstile können hier gemeinsam in eine Choreographie einfließen. Anders als im klassischen Ballett, wollte man sich nicht an starre Tanztechniken halten und mehr Fokus auf dynamische Körperbewegungen und den Rhythmuslegen. „Im zeitgenössischen Tanz bewegen wir die Arme, die Beine, den Oberkörper und die Taille. Genau wie im afrikanischen Tanz bewegst du mehrere Körperpartien – und das zum selben Zeitpunkt“, sagt der professionelle Tänzer und Choreograph Samuel Ekeh.

Er lebt seit mehr als zwei Jahren in Wien und unterrichtet „African Dance“ an einer Wiener Tanzschule(LYMA). Tänze würden je nach Region in Afrika unterschiedlich ausfallen, aber gemeinsame Elemente sind in allen afrikanischen Tänzen zu finden. Diese versuchter seinen SchülerInnen näher zu bringen. „Ich mische verschiedene Stile, vorwiegend aus West Afrika und entwickle dann eine Choreographie.“ Ekeh hat in Senegal und Nigeria zeitgenössischen Tanz studiert und von Germaine Acogny aus Senegal gelernt – sie gilt als Mutter des afrikanischen Tanzes. „Germaine bezeichnet ihren Tanz als African Contemporary Dance – ihr Körpersteht in direkter Verbindung mit der Natur.“ Der Dialogmit der Natur sei ohnehin eine wichtige Grundlage der afrikanischen Tanztradition.

(c) Sophie Kirchner

(c) Sophie Kirchner

DURCH KOLONIALISMUS IN DIE WEITE WELT

Um den Einfluss Schwarzer Menschen auf zeitgenössische Tanzkultur nachvollziehen zu können, muss man einen Blick zurück in die Zeit der Sklaverei und des Kolonialismus werfen. So dienten Trommeln den Sklaven auch als Kommunikationsmittel, um Nachrichten zu übermitteln und Aufstände zu planen. Von den weißen SklavenhalterInnen wurden sie daraufhin, als Symbol für Revolution und Widerstand, verboten. In ihrer Kreativität nicht eingeschränkt, wurden nun ihre Körper und Füße zum Percussion-Instrument. Afrikanische Stepptänze, wie der Shuffle, vermischten sich mit dem irischen und englischen Stepptanz. Der amerikanische Stepptanz war geschaffen.

Im Jazz Dance ist die Kunst der Improvisation grundlegend. „Improvisation kommt aus dem afrikanischen Tanz und ist auch Bestandteil des zeitgenössischen Tanzes. Im Gegensatz zum klassischen Ballett wird den Bewegungen mehr Raum und Freiheit gegeben“, erzählt Ekeh.

Jedes afrikanische Land hat seine eigene kulturelle Identität, die sich auch in der Variation der Tänze zeigt. Jeder Tanz besticht durch seine eigene Technik, seinen Ausdruck und wird dadurch individuell. „In Westafrika und in der zentralafrikanischen Region liegt häufig der Schwerpunkt der Bewegung auf dem Oberkörper und den Hüften, wogegen im Süden Afrikas viel mehr Gewicht auf den Füßen liegt“, so Ekeh. Besonders die Rotation der Hüft- und Taillenregion finden wir heute in zahlreichen Hip-Hop-Tanzchoreographien, im DanceHall, aber auch in der Popkultur wieder. Oft kritisch nur als „Booty shaking“ abgestempelt, sind auch hier Technik und Koordination gefragt.

SHAKE IT

In den vergangenen Jahren hat besonders Twerking weltweit für großes Aufsehen gesorgt. Gebräuchlich wurde der Begriff „Twerking“ 1993 mit der Songzeile„Twerk baby, twerk baby, twerk, twerk, twerk“ in DJ Jubilees Nummer „Do the Jubilee All“. Bis Twerking zu einem Tanzhit wurde, dauerte es noch ein wenig. Er wurde – auch aufgrund von ein paar peinlichen Promiauftritten– weltweit zu einem der bekanntesten Bootyshaking Tanzmoves.

Der Ursprung von Twerking ist nicht eindeutig zuzuordnen aber liegt wohl im ivorischen Tanz „Mapouka“. Mapouka auch als „the dance of the behind“ oder „buttdance“ bekannt, erlangte in den 90er Jahren in Westafrikagroße Bekanntheit. Heute existiert eine traditionelle und eine moderne Version des Mapouka. Letztere löste in einigen westafrikanischen Ländern Kontroversen aus. Welche Version heute, vor allem bei den Jüngeren bevorzugt wird, können wir am Twerking-Boom beobachten. Ob nun Twerking oder das jamaikanische Whining – Tänze in denen Frauen mit ihren Hüften schwingen, werden gerne belächelt und mit dem Label „obszön“ oder „ghetto“ etikettiert. Allerdings werden diese Standards häufig nur bei Schwarzen Frauen angewendet. Eine Doppelmoral, die nicht neu ist. „Wenn du Schwarz bist und tanzt, wird es geringer eingeschätzt, als wenn du weiß bist und denselben Tanzmove oderdieselbe Choreographie vorführst“ sagt Ekeh.

(c) Sophie Kirchner

(c) Sophie Kirchner

DAVON LERNEN JA, ANERKENNUNG ZEIGEN NEIN

Dass afrikanische Tanzstrukturen Einfluss auf die Entwicklung des zeitgenössischen Tanzes genommen haben, ist unbestreitbar. Leider steht die mangelnde Anerkennung dazu im Widerspruch. Ihre Leistungen und ihr kreativer Beitrag zur Musik- und Tanzgeschichte wurden regelrecht ausgeblendet. Afro-amerikanische TänzerInnen und ChoreographInnen wurden zu amerikanischen Tanzproduktionen eingeladen, um weiße TänzerInnen auszubilden und deren Techniken zu verbessern. Engagiert wurden sie jedoch nicht. Ihre künstlerische Leistung blieb unerwähnt und oftmals verborgen. Die von Alvin Ailey, einem afroamerikanischen Choreographen, gegründete Tanzkompanie „Alvin Ailey Dance Theater“schaffte 1958 einen Ort, an dem Schwarze TänzerInnen vor Diskriminierung und Rassismus geschützt waren. Die afroamerikanische, genauso wie die karibische oder lateinamerikanische Kultur bezieht einen beachtlichen Teil ihres kulturellen Erbes von den Traditionen ethnischer Gruppen aus Afrika. Aktuelle Tanzformate lassen das nicht immer erkennen – vieles scheint auch bereits vergessen. „Viele haben ihre Wurzeln verloren. Die Kultur der Schwarzen Menschen in der Diaspora erneuert und verändert sich und es kommt immer auch etwas Neues dazu. Dennoch sieht man in zeitgenössischen Tanzformen oder beispielweise im Hip Hop noch afrikanische Tanzelemente und Themen. So sind die Fulani, eine ethnische Gruppe, die in westafrikanischen Ländern wie Gambia, Nigeria oder Senegal beheimatet sind, bekannt für akrobatische Tänze, die mit ihren BackSpins sehr an Break Dance erinnern.

Ein Künstler, der verschiedene Tanzgenres miteinander in Einklang brachte und zeitgenössischem Tanz ganz neue Dimensionen verlieh, war definitiv Michael Jackson. In seinen Tanzperformances vereinten sich Elemente diverser afrikanischer Tänze mit Jazz, Ballett und Street Dance. Wieviel Einfluss Michael Jackson auf den Tanzstil anderer MusikerInnen und TänzerInnen hatte, muss wohl nicht näher erläutert werden. „Viele europäische und amerikanische Choreographen ohne afrikanischen Background gehen nach Afrika, um dort„African Dance“ zu lernen. Wenn sie dann wieder in Europa sind, lassen sie das Gelernte in ihre Arbeit einfließen. Als Laie merkt man die Herkunft der grundlegenden Tanzschritte oft nicht, aber wenn man sich auskennt, sieht man, wo sie die Schritte gelernt haben“. „In Europa“, meint Ekeh weiter, „ist definitiv ein Wandel zu beobachten. Der Einfluss afrikanischer Tanzelemente, aber auch die afrikanischen Tanz- und PerformancekünstlerInnen selbst werden für ihren Einfluss gewürdigt. Und das nicht nur als TänzerInnen, sondern auch als ChoreographInnen.“