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Filmtipp: Welcome to Sodom

Der Dokumentarfilm “Welcome to Sodom” lässt ZuseherInnen in eine postkoloniale Dystopie eintauchen, die mit beklemmendem Gefühl an die düsteren Szenarien von Bladerunner erinnert: Dunkelheit, Lärm, Chaos, Rauch. Die Dystopie von “Welcome zu Sodom” ist allerdings keine dunkle Zukunftsvision, sondern Realität.

Der Film von Florian Weigensamer und Christian Krönes zeigt das Leben der über 6000 Menschen auf der größten globalen Elektromüllhalde in Agbogbloshie, Ghana. Es ist ein Leben voller Armut, umgeben von toxischem dunklen Rauch und mit geringer Lebenserwartung. Das Filmpublikum versteht schnell, wieso die BewohnerInnen diesen Ort “Sodom” nennen. Sodom und Gomorra (Gen 19) gelten im Alten Testament als Orte der Sünde, die von Gott zerstört wurden. Orte, an denen eigentlich kein Leben möglich ist. Hier in Ghana ist Sodom der Ort an dem jährlich jene etwa 250.000 Tonnen Elektroschrott landen, die Europa nicht mehr braucht: alte Smartphones, Laptops, Tablets und Bildschirme. Der Müll des Westens wird in Sodom zur neuen Lebensgrundlage. Die BewohnerInnen zerlegen die Geräte vor allem um Kupfer für den Weiterverkauf zu gewinnen.

Sodom is like a beast. Sometimes you kill the beast. Sometimes the beast kills you – Mohammed Abubakar

Bemerkenswert an diesem augenscheinlich finsteren Ort ist daher auch sein innewohnender Antagonismus. Sodom ist einerseits toxischer Lebensraum für jeden Organismus und andererseits rettender Zufluchtsort für Verfolgte und Hoffnungslose. Die ProtagonistInnen des Films zeigen den ZuseherInnen nämlich auch eine andere Seite von Sodom auf. So erzählt ein homosexueller Medizinstudent von seiner Flucht aus Gambia und dem Lebensraum, den er sich hier in Sodom aufgebaut hat. Ähnlich dem kleinen Jungen Kwasi, der eigentlich ein Mädchen ist, aber beschlossen hat hier in Agbogbloshie so zu leben, wie er sich am wohlsten fühlt – als Junge.

Welcome to Sodom

(c) http://stadtkinowien.at

Die Würde des Menschen ist unantastbar

Christian Kermer fängt mit seiner Kamera einzigartige Bilder ein, die die ZuseherInnen trotz ihres düsteren Charakters nicht mit schlechtem Gefühl aus dem Kino entlassen. Kermer gelingt es die in Agbogbloshie lebenden Menschen auf Augenhöhe zu porträtieren; im wortwörtlichen Sinne durch seine gewählten Kameraperspektiven, aber auch im übertragenen. Er nimmt Abstand von westlichen postkolonialen Darstellungen und zeigt die BewohnerInnen Sodoms in all ihren Facetten, respektvoll und in Würde.

Die große Stärke diesen Films liegt allerdings nicht nur in der Kameraführung, sondern auch bei seinen ProtagonistInnen, die der Film aus dem Off zu Wort kommen lässt. Von Fremddefinitionen und -narrativen wird bewusst Abstand genommen. Die Stimmen der BewohnerInnen begleiten durch den Film und ermöglichen den ZuseherInnen über ihren Beobachterstatus hinauszuwachsen und die Wünsche, Sehnsüchte und Lebensumstände der Menschen von Sodom zu verstehen.

Es sind somit die Einzelschicksale des Films, die berühren. Dadurch erspart sich “Welcome to Sodom” auch den üblichen subtilen Appell am Ende des Films und regt durch sein filmisches Gesamtkunstwerk stattdessen zum Nachdenken über das eigenen Konsumverhalten an.

WELCOME TO SODOM – DEIN SMARTPHONE IST SCHON HIER

A 2018 | 92′ | OmdU | Dok |Prädikat: Wertvoll

Regie: Florian Weigensamer & Christian Krönes | Kamera & Schnitt: Christian Kermer | Buch: Roland Schrotthofer & Florian Weigensamer | Produktion: Blackbox Film & Medienproduktion

Startdatum: 23. November 2018